Unordnung Seit Tagen stehen wir uns schon lauernd gegenüber. Einer von uns muß hier raus, sonst wird sie mich ersticken. Stück für Stück hat sie sich meiner Wohnung bemächtigt und immer wieder habe ich es hingenommen. Stunden meines Lebens hat sie mir geraubt und ich habe es geduldet. Mit vor Anspannung aufeinander mahlenden Kieferknochen überdenke ich noch einmal jeden Schritt meines Vorhabens. Fast alles habe ich mir von ihr gefallen lassen. Aber jetzt ist Schluß! Weg mit der Unordnung - ich räume auf. Strategisch klug eröffne ich die Schlacht in der Küche, denn hier kann ich noch am ehesten auf Verbündete hoffen. Mit einem Überraschungsangriff befreie ich die Spülmaschine von Ihrem Joch als Zeitungsdepot. Ein Blick auf oberste Schlagzeilen, die die unmittelbar bevorstehende erste Mondlandung ankündigt, bestärkt mich in der Überzeugung der Richtigkeit meines Handelns. Damit die Zeitungen erstmal auf keinen Fall mehr im Weg liegen, deponiere ich sie in der Badewanne. Einen unförmigen Gegenstand auf dem Teller, der unter den Zeitungen stand - in der Küche, nicht in der Badewanne - kann ich schon nach kurzer Untersuchung als letztes Überbleibsel eines wohlschmeckenden Kartoffelgerichts der letzten Woche identifizieren. Die weiteren Ausgrabungen fördern Zeugnisse einer längst versunkenen Epoche zu Tage. Ein fröhlicher Mensch muß hier gelebt haben. Reste eines vermutlich zehn Jahre alten Koteletts, lassen darauf schließen, daß er ein Fleischfresser war. Er muß aufrecht gegangen sein, sonst wäre er im Unrat erstickt. Ich entschließe mich angesichts der momentanen Übermacht des Gegners eine zweite Front im Wohnzimmer aufzubauen. In der Tür stehend, gönne ich mir einen Moment der Sentimentalität. Ich lasse meinen Blick über die Geschehnisse der vergangenen Wochen wandern. Mitten auf dem Teppich, mein Lieblingspuzzle, 1.000 Teile und alle ohne Zusammenhang. Malerisch, der Frühstückstisch. Die unteren Schichten erzählen von den Zeiten, als ich noch wußte, wo die Butter war. Lediglich eine unbenutzte Serviette beleidigt daß Auge des Betrachters. Auf die Szene fällt ein matter Sonnenstrahl, der sich seinen Weg durch ein Fenster bahnt, das eine äußerst undurchsichtige Rolle spielt. Ein Müllsack, der bei der letzten Action-Ajax zurückgeblieben sein muß, der mit Spinnweben überzogenen Staubsauger... Eine Träne im Auge wende ich mich zum Gehen. Zwischen den Zehen aufquellende Zahncreme läßt mich vermuten, daß ich das Badezimmer erreicht habe. Zu erkennen ist es eigentlich nicht, aber das ist egal. Jetzt mach ich mich erst mal frisch. Mein geschultes Auge läßt mich unter einer Gepäckablage das Waschbecken entdecken. Fließendes Wasser , eine Wohltat. Daß Reste irgendwelcher Luftschlangen irgendeines Silvester den Abfluß verstopfen, darf in Augenblicken solchen Hochgefühls nicht stören. Nun noch ein wenig pfft... pfft... unter die Arme und ich bin wieder obenauf. Die Wonne weicht einer gewissen Ernüchterung, als sich das von mir, im blinden Vertrauen, eingesetzte Deo als Backofenreiniger entpuppt. Noch trunken vom Erfolg meiner bisherigen Aktionen wanke ich ins Schlafzimmer. Hier im tiefsten Feindesland wo der Gegner eine Übermacht zusein scheint, hält er seit Tagen irgendwo meine Zahnbürste als Geisel. Nur mein Weitblick - ich deponiere stets ein zweites Exemplar neben der Toilettenschüssel - hat schlimmeres verhindern geholfen. Auch wenn die Unordnung noch so sehr versucht, die Lage im Schlafzimmer zu verschleiern, mir ist sofort klar worauf es hier ankommt : Ich muß das Bett finden. Beherzt greife ich zu und fasse - einen Damenschuh. Oh Gott, wenn nun... Unwillkürlich ziehe ich weitreichende Parallelen zur Kartoffel in der Küche. Ich grabe weiter. Meine Aktionen werden heftiger. Berge von Wäsche, ein Dampfbügeleisen, zwei Comics, mehrere Pfandflaschen, eine rostige Keksdose und... Nein, das gibt’s nicht. Ich kann es nicht glauben. Ein Glückstag ! Welt, laß Dich küssen ! Zwei frischgewaschene , zusammenhängende Socken ! Zwei (!), frischgewaschen (!!) und zusammenhängend (!!!). Ich könnte bersten vor Glück. Und diese Dose hätte ich beinahe vor vielen Jahren weggeworfen. Wenn ich weiter so überhastet handele, wird mein Leben im Chaos enden. Die Dose jedenfalls bekommt einen Ehrenplatz - vielleicht im Kühlschrank ?