Neue Kronen Zeitung, Wien, Sonntag, 1. Februar 1998.
Vorsicht, Essen! (1)
Erdbeer-Aroma aus Sägespänen, Fleischersatz aus Klärschlamm - Nichts scheint
heute den Lebensmittel-Chemikern unmöglich zu sein - Schon 7500 Zusatzstoffe sind auf dem
Markt und finden sich in vielfältigster Kombination in unserer Nahrung.
Man nehme Sägespäne, koch diese kurz in ein wenig Wasser und Alkohol, man
füge einige (geheimgehaltene) Komponenten hinzu. "Und dann haben wir ein herrliches
natürliches Erdbeer-Aroma", verrät ein Chemiker. Diese Geschmacksillusion findet
sich dann in Erdbeergelees, Fruchtjoghurts, Dessertcremen usw. Der Packungsaufdruck
verrät uns nur, daß "natürliches Aroma" beigefügt wurde, nicht aber, daß es
aus Sägespänen kommt. Das ist legal, denn Holz ist schließlich ein natürliches
Produkt. Industriell gefertigte Geschmacks-Ersatzstoffe, Backhilfen, Farben, Emulgatoren,
Stabilisatoren, Schmelz-Salze, Verdickungsmittel, Geschmacksverstärker und
Konservierungsstoffe sind heute die wichtigsten Hilfsmittel einer ausufernden
Ernährungsindustrie. 7500 solcher Substanzen aus der Küche der Chemiker sind auf dem
Markt. Und nichts scheint mehr unmöglich: So hat ein Japaner kürzlich Fleischersatz aus
Klärschlamm hergestellt, indem er die braune Brühe kochte, trocknete, mahlte, ein paar
Sojaproteine hinzufügte und alles zu Brocken preßte. Testesser befanden: Das Imitat
erinnere an alte Hähnchen mit einem Hauch von Fisch. So durchdringt die chemisierte
Lebensmittelindustrie unsere Eßgewohnheiten und Geschmäcker wie der Schimmelpilz in
einer alt gewordenen Marmelade. Mit allen Risiken. Parallel dazu nimmt nämlich die Zahl
der Lebensmittel-Allergiker sprunghaft zu. Mediziner schätzen, daß schon 5 Prozent der
Bevölkerung, vor allem Kinder, davon betroffen sind, sogar 40 Prozent müssen als latente
Allergiker gelten. Mitschuld an dieser mit Sorge beobachteten Entwicklung ist die hohe
Belastung der Frauen von heute. In einer jüngst in Deutschland veröffentlichten Umfrage
können 40 Prozent kaum noch kochen. In den USA, Vorreiter modernen Lebens, sind es gar
schon 60 Prozent, die nur Fertigkost verwenden.Mit solchem Zahlenmaterial warten die
Autoren eines neu erschienenen Buches auf, bei dem Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter
des "Europäischen Instituts für Lebensmittel und Ernährungswissenschaften"
federführend war. Er rät zur Vorsicht und zur Wachsamkeit beim Kauf von Nahrungsmitteln.
Denn von Seltsamem, Groteskem und zum Teil Schaurigem, das unser geltendes
Lebensmittelrecht zuläßt, wissen er und seine Co-Autoren aus langjähriger Erfahrung zu
berichten. Darüber wollen wir unsere Leser in den kommenden zwei Wochen ausführlich
informieren.
Lesen Sie das Kleingedruckte - Korrekt ausgezeichnet - die Inhaltsstoffe eines
Snacks und einer Vanillecreme. Die Konsumenten haben ein Recht darauf zu wissen, was in
den Produkten, die sie kaufen, enthalten ist. Es ist dringend anzuraten, das
Kleingedruckte zu lesen. Konsumentenschützer der AK kritisieren die oft zu kleine Schrift
und verlangen von der EU, ein Buchstabenmindestgröße vorzuschreiben.
Aus der Küche der Lebensmittel-Chemiker - manche sagen "Hexenküche"
- wurden schon 7500 Zusatzstoffe in den Handel gebracht. Sie werden in dicken Katalogen zu
jedermanns Verwendung feilgeboten.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Montag, 2. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (2)
Versteckt in Limos, Keksen und Schokoladen-Produkten finden sich brisante Stoffe:
Die Allergie-Bomben.
Der kleine Peter bekam nur ein paar Schluck aus der Limonadenflasche, doch
daraufhin zeigten sich Hautrötungen und Atemnot. "Eine Allergie", vermutete der
Hausarzt und schickte die Mutter zum Spezialisten. Langwierige Tests ergaben: Peter
reagiert auf Schimmelpilze. Wie aber sollten Schimmelpilze in die Limonade gekommen sein?
Der Lebensmittel-Chemiker aber weiß, wieso.Die viel verwendete Citronensäure wird
längst nicht mehr aus Zitrusfrüchten hergestellt, sondern in Schimmelpilz-Kulturen, die
auf Nebenprodukten der Zuckerherstellung wachsen. Um keinen Tropfen der Säure zu
vergeuden, preßt und wäscht man die Pilze aus. Auf diese Weise können Pilzsporen in den
Zusatzstoff Citronensäure und in die Limo gelangen. Eine andere Allergiequelle können
Kartoffelchips sein. Citronensäure bewahrt das Fett vor dem Ranzigwerden. Oft stehen
Mediziner vor Rätseln: So starb in England eine 17jährige Allergikerin nach dem Genuß
eines Kuchens im Schnellrestaurant. Es dauerte lange, bis die Ursache feststand:
Erdnuß-Protein in einem Fertigprodukt, nicht deklariert, nicht erkennbar. Spuren von
Nüssen können ohne Kennzeichnung auch in der Schokoladenmasse enthalten sein, was
Nuß-Allergikern erheblich zu schaffen macht. Weil wir von Süßem reden: Als
Allergiebombe gilt auch Vanillin, allgegenwärtig in Keksen, Torten und Kuchen. Das
Lebensmittelrecht ist in der EU einheitlich, die mit E gekennzeichneten Zusatzstoffe in
allen Mitgliedsstaaten zugelassen. Jetzt gibt es Bestrebungen, den als bedenklich
eingestuften die Zulassung zu entziehen. Auch Österreich wurde zu Stellungnahmen
eingeladen. Um dem interessierten Leser zu zeigen, worum es geht, mit welchen Substanzen
wir es zu tun haben, werden wir im Verlauf dieser Serie von jetzt an täglich eine
entsprechende Rubrik veröffentlichen.
Kaum der Mutterbrust entwöhnt und schon beim Allergiearzt zum Pflastertest.
Immer mehr und immer jüngere Kinder vertragen Zusatzstoffe in der Nahrung nicht, wobei
die ärztliche Diagnose zeitraubend und schwierig ist.
Tartrazin E 102
Dieser künstliche Farbstoff wird für Kuchen, Kekse, Pudding, Eis, Saucen,
Suppen und Knabbergebäck verwendet. Er gehört zu den Zusatzstoffen mit dem höchsten
allergenen Potential. Einige Symptome: Hautreaktionen, Erstickungsgefühle,
Asthmaanfälle, verschwommenes Sehen. Obwohl diese Wirkungen bekannt sind, wird Tartrazin
auch zum Färben von Medikamenten verwendet.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Dienstag, 3. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (3)
Im Banne der Aromen:
So manipuliert die Lebensmittelindustrie unsere Geschmacksnerven von klein auf.
Frischer Apfel, saftig, schmackhaft: Viele Kinder mögen ihn nicht, sondern nur
Synthetisches.
Die kleine Sabine kann Äpfel nicht leiden. "Schmeckt ja nicht nach
Apfel", sagt sie. Kritische Lebensmittel-Chemiker können der Mutter sagen, wieso
nicht. Das Kind hat durch synthetisches Apfelaroma in Gelees, Zuckerln und manchen
Getränken enthalten, eine "Futterprägung" erhalten. Was nicht so schmeckt wie
das gewohnte Aroma, wird nicht gegessen. "Futterprägung" ist es auch, wenn
Kinder Frischmilch ablehnen, weil sie den Kochgeschmack von H-Milch und Trockenmilchpulver
aus der Babykost gewohnt sind. Ähnlich geht es vielen heute schon Erwachsenen mit dem
Heißhunger nach vanillinhaltigen Produkten. Früher war dieses synthetische Aroma
nämlich der Babykost zur Geschmacksabrundung zugesetzt worden. So manipulieren
"Lebensmittel-Designer" unseren Gaumen schon von Kindheit an. Was immer es an
Aromastoffen gibt, sie können im Labor nachgezaubert werden. Ob etwas nach Pfirsich,
Kokosnuß, Mandel oder Kirsche schmecken soll, es ist zu kaufen. Vom Erdbeer-Aroma aus
Sägespänen war schon die Rede, das beste Himbeeraroma erzeugt man übrigens aus
Zedernholzöl. Die Retorten-Produkte sind billiger und erfüllen denselben Zweck.
"Wenn Kaugummi-Fabrikanten bestimmen, wie Obst schmeckt, wenn Ketchup-Abfüller das
Tomaten-Aroma definieren, darf sich niemand wundern, wenn die Appelle, frisches Obst zu
kaufen, nichts fruchten", schreibt das Team um Udo Pollmer in seinem Buch. Apropos
wundern: Wundern Sie sich auch, wieso Sie nicht mit dem Essen aufhören können, sobald
Sie eine Packung Knabbergebäck angebrochen haben? Psychologen erforschen systematisch die
Eßinstinkte des Menschen, studieren die Reaktionen seiner Geschmacksnerven und spüren
seinem Gefühlsleben beim Essen nach. Techniker steuern dann das Schmelzverhalten von
Schokolade auf dem verwöhnten Gaumen und optimieren das Knuspern von Chips - bis wir
nicht aufhören können. "Aromen und Duftstoffe, so frisch und natürlich, daß sie
Ihre Kunden in Kauflaune bringen werden - immer wieder!" So offeriert eine Firma.
Selbst Küchendüfte werden als Lockstoffe in Reaktions-Aromen "nachgebaut".
Typische Geschmacksrichtungen: Bratkartoffel, Roggenbrot, Fleischbrühe, Nuß, Karamel
oder Popcorn. So schmeckt dann Sojafleisch für Vegetarier nach Rind.
Butylhydroxyanisol E 320
Der Stoff mit der Kurzformel BHA schützt Chips, Stangerln und Kekse vor
Geschmacksfehlern. Konserviert Kaugummis und Instantsuppen, ist deklarationsfrei in
Füllmassen für Feinbäckerei mit Marzipan, Nougat oder Erdnüssen enthalten. Bei Mäusen
führte BHA zu Verhaltensveränderungen, zeigte aber Krebshemmende Wirkung. Bei anderen
Nagern stellten sich Schädigungen des Vormagens ein. Da der Mensch keinen Vormagen
besitzt, ist der Wert dieser Tierversuche umstritten.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Mittwoch, 4. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (4)
Flüssiger Rauch .... damit das Geselchte auch ohne das Räuchern nach
Geselchtem schmeckt.
Jause mit G'selchtem: Hat es die Räucherkammer gesehen?
Man sollte es nicht für möglich halten, auf welche Tricks manche Leute
verfallen, um sie als Zusatzstoffe "hineinzujubeln": So werden von den
einschlägigen Firmen "Flüssigräuche" angeboten, die dem Fleischhacker das
seit Jahrtausenden übliche Räuchern von Schinken und Wurst ersparen. Das geht so vor
sicht: Bei der Holzkohle-Herstellung entsteht ein beißender Rauch, der durch ein
Wasserbad geleitet wird. Von dieser Rauchlösung scheidet sich eine sogenannte
"Teerphase" ab, die einen Großteil der schädlichen Begleitstoffe enthält. Wie
beispielsweise das krebserregende Benzpyren. Das verbleibende und gereinigte wäßrige
Extrakt verströmt ein intensives Rauch-Aroma. Ein wenig davon in die Wurstmasse oder auf
gepökeltes Fleisch gesprüht - und fertig. Auf Qualität bedachte Fleischhauer und die
Hersteller von Schinkenspezialitäten kommen natürlich auch ohne diesen flüssigen Rauch
aus. Aber es ist damit, so scherzen kritische Konsumentenschützer, wie mit einer
Mätresse: Viele haben eine, aber keiner redet darüber. Das Tagewerk eines Fleischhauers
ist heute oft ein hochtechnisierter Prozeß. So spritzt zum Beispiel eine mit Dutzenden
von Injektionsnadeln gespickte Maschine die phosphat- und nitrathaltige Pökellake in
Abstand von einem Zentimeter in die vorbeilaufenden Fleischteile. Was früher beim
Einlegen in die Lake noch Wochen dauerte, gelingt jetzt binnen weniger Sekunden. Weil sich
die salzige Brühe von ihnnen nach außen verteilt, bleibt der Schinken schön saftig.
Dieses maschinelle Schnellpökeln spart Arbeitskräfte, umgeht lange Produktions- und
Lagerzeiten und hilft, das Gewicht des Schinkens oder Geselchten zu optimieren. Doch das
nächste Problem läßt nicht lange auf sich warten: Unter dem Druck fängt die Pökellake
zu schäumen an. Dadurch wird Luft in die Spritzen gesogen, die Menge der Lake kann nicht
mehr exakt dosiert werden. Also muß ein neuer Zusatzstoff her: ein Schaumverhüter, etwa
geruchs- und geschmacksneutrale Fettalkohole auf Silikonbasis. Rechtlich gesehen sind
diese ein "technischer Hilfsstoff" und müssen nicht deklariert werden. Für die
"gesundheitliche Unbedenklichkeit" hat das EU-einheitliche Lebensmittelrecht
keine Definition parat. Wird nun dieser Schinken im Geschäft aufgeschnitten und lose
verkauft, ist ebenfalls keine Angabe der Inhaltsstoffe nötig. Wohl aber, wenn er
verpackt, also etwa in Plastik eingeschweißt ist. Steht dann im Kleingedruckten das Wort
"Aroma" oder "Aromastoff", kann damit nur der erwähnte
"flüssige Rauch" gemeint sein. Grundsätzlich kritisieren die
Konsumentenschützer die Befreiung von der Deklarationspflicht für "lose Ware",
weil sie dem Konsumenten jede Möglichkeit der Kontrolle nimmt, was er eigentlich mitißt.
Dieses Verschweigen der Zusatzstoffe gilt übrigens auch für Wurst, Käse und Brot. Doch
davon wird noch die Rede sein.
Nitrite E 249 und E 250
Kaliumnitrit und Natriumnitrit dürfen wegen ihrer hohen Giftigkeit nur gemischt
mit Kochsalz als Pökelsalze verwendet werden. Sie geben Fleisch die rote Farbe,
Würstchen wie Salami das Aroma und verbessern deren Haltbarkeit. Nitrit kann im Magen zu
krebserregenden Nitrosaminen reagieren, wie wir es auch vom Nitrat im Trinkwasser kennen.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Donnerstag, 5. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (5)
Fleischhauer bei der Wursterzeugung: Ihre Produkte, sobald sie im Geschäft als
"lose Ware" verkauf werden, sind von jeder Deklarationspflicht ausgenommen.
Es geht um die Wurst...
Sehr viele Zusatzstoffe sind drin, aber deklariert werden müssen nur wenige.
"Wurst ist eine Götterspeise. Denn nur Gott weiß, was drin ist",
spottete einmal der Dichter Jean Paul. Heute scheint dieser Gott seinen Sitz in Brüssel
zu haben. Dort nämlich werden die Gebote für die europäischen Würste ausgeheckt.
Extrawürste, wie es sie jetzt noch in manchen Ländern gibt, sollen fallen. Alles andere
als himmlisch beglückt sind darüber die irdischen Verbraucherschützer. Unseren guten
Würsten drohen Zusatzstoffe wie Alginate (E 400 bis 404), Natamycin (E 235), ein
Antibiotikum gegen Mundfäule und Fußpilz, sowie diverse Farbstoffe. Stark rot gefärbte
Wurst, wie sie in Großbritannien, Dänemark oder Spanien seit langem üblich ist, trifft
bei uns auf wenig Gegenliebe. Schon deshalb, weil der rote Farbstoff Cochenille (E 120)
aus getrockneten Schildläusen des gleichen Namens gewonnen wird. Genau genommen aus den
befruchteten Weibchen. Grausen vor Läuse-Extrakt ist übrigens nicht angebracht:
Cochenille ist schon längst auch bei uns für andere Lebensmittel wie Diätmarmelade,
Lachsersatz und Süßwaren gebräuchlich. Auch in den Wursthäuten ist mehr drin, als sich
der Konsument träumen läßt: Salze von Milch-, Wein- und Citronensäure machen
Naturdärme länger haltbar. Das Sorbit (E 420) hält sie weich. Kunstdärme dürfen nicht
mit der siebenfachen Sorbitmenge weichgemacht werden, überdies mit Glyzerin (E 422).
Außerdem sind noch Carboxy-Methylcellulose (E 466), Aluminium-Ammoniumsulfat (E 523) und
einige andere Chemikalien enthalten. Wenn es um Leberwürste und Streichwürste geht,
sorgen Emulgatoren wie aufgeschlossenes Milcheiweiß oder Mono- und Di-Glyzeride für
Molligkeit und einen appetitlichen Anblick, Geschmacksverstärker und eine Prise Vanillin
für das Schmeicheln des Gaumens. Wie wir sehen, ist eine ganze Menge drin, aber
deklariert wird nur wenig. Durch die diffusen Vorschriften ist selbst ein Fachmann nicht
mehr in der Lage aus den Angaben die tatsächliche Zusammensetzung des Produktes zu
ermitteln. Auch eine Beruhigungspille für den Konsumenten. Es gibt jedoch Ausnahmen: Ist
die Wurstoberfläche beispielsweise mit Kaliumsorbat (E 202) behandelt, um sie vor dem
Verschimmeln zu schützen, dann muß in der Kühltheke des Geschäftes ein Schild darauf
hinweisen. Entfernt die Verkäuferin die Wursthaut, kann sie sich das Schilderscheiben
sparen. In der Zwischenzeit ist der Konservierungsstoff längst ins Wurtsinnere
eingewandert und landet damit auf dem Jausenbrot. Die Wurst war " lose Ware", es
mußte der Zusatzstoff also nicht ausgezeichnet werden.
Bedenkliche Zusatzstoffe
Diese sind erst seit kurzem offiziell zugelassen. Werden anstelle von
Ascorbinsäure beim Umröten von Wurst und Schinken verwendet. Ebenso als
Farbstabilisator. E 316 erwies sich in Tierversuchen als bedenklich. E 315 kann im Körper
in Konkurrenz zur Ascorbinsäure und natürlichem Vitamin C treten und dessen Aufnahme aus
der Nahrung hemmen. Noch keine endgültige Beurteilung möglich.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Freitag, 6. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (6)
Viel aus der Küche der Chemiker wird angewandt, muß aber gar nicht deklariert werden.
Was ist ein Nicht-Zusatz? Ohne Hilfsstoffe & Nicht-Zusatzstoffe käme man heute nicht mehr
aus...
Unser europäisches Lebensmittelrecht steckt voller sprachlicher List und
Tücke. Oder können Sie sich vorstellen, was unter einem Nicht-Zusatzstoff oder einer
Nicht-Zutat zu verstehen ist? Dieser Begriff wurde geschaffen, um den besorgten Bürgern
nicht mit allzu vielen Inhaltsstoffen zu verunsichern. Zum Verständnis dazu ein Beispiel:
Jeder weiß, daß bei einer Suppe Fleisch und Gemüse zu Boden sinken. Dies ist sehr
hinderlich, wenn es darum geht, beispielsweise Gulaschsuppe großindustriell in Dosen
abzufüllen, weil jede von ihnen eine Mindesteinwaage an Fleisch haben muß. Soweit so
gut! Um das Problem zu lösen, wird zu einer List gegriffen: durch das Beifügen von den
aus braunen Meeresalgen gewonnenen Alginaten. Diese verdicken die Gulaschsuppe und halten
die Fleischstücke in der Schwebe. Die Alginate werden beim anschließenden Sterilisieren
der Konserven zerstört. Sie sind also Nicht-Zutaten.
Oder: Bei der industriellen Marmeladen-Produktion fällt der beim Kochen entstehende
Schaum zusammen, wenn Dimethyl-Polysiloxan zugesetzt wird. Dieses ist zwar später in der
Marmelade enthalten, ließ sich bisher aber nur schwer nachweisen und wurde geflissentlich
übersehen. Die Lösung: Man hat das Mittel zum "technischen Hilfsstoff"
erklärt und von der Zulassung befreit. - Also auch ein Nicht-Zusatzstoff.
Erst dank einer neuen Analyse-Methode aus der Schweiz ist Dimethyl-Polysiloxan als E 900
inzwischen in die EU-Zusatzstoffliste aufgenommen worden. Schaumverhüter werden beim
Umpumpen von Frischmilch eingesetzt. Andere Hilfsstoffe sind Katalysatoren, wie etwa
Nickel zur Beschleunigung der Fetthärtung in der Margarine, Anti-Klumpmittel, die wie
Reiskörner in Salzstreuern wirken. Ein Lösungsmittel wie Hexan, ebenfalls
deklarationsfrei, dient zur Extraktion von Speiseöl und zur Gewinnung von Hopfenextrakten
für die Brauereien. Auch Schälmittel gelten lediglich als "technischer
Hilfsstoff": Mit Lauge sind Kartoffel und Paradeiser schneller gehäutet. Das
Schälmittel wird anschließend abgewaschen, und nichts verrät dem Kunden, ob noch Spuren
drin sind.
Bedenkliche Zusatzstoffe
Maltol entsteht beim Backen von Brot und beim Rösten von Kakao- und
Kaffeebohnen. Der appetitliche Geruch und Geschmack legte es nahe, den Stoff synthetisch
herzustellen und Lebensmittel zuzusetzen. Maltol verstärkt den Geschmack von Schokolade,
Getränken und Desserts, verhindert den Hefegeschmack von Backwaren und den bitteren
Nachgeschmack von Saccharin. Große Mengen schädigten in Tierversuchen die Nieren und
veränderten das Blutbild. Angesichts des vermeidbaren Risikos wäre ein sparsamer Einsatz
wünschenswert.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Samstag, 7. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (7)
Unser täglich High-Tech-Brot:
Backen ist heute fast ein hochindustrieller Vorgang. Damit die Teige maschinenfest sind
braucht es viele chemische Zusätze.
Handarbeit gibt's immer noch, aber das Meiste erledigen Maschinen, die mit dem Teig nicht
so sorgsam umgehen können wie Hände. Gebacken wird natürlich elektrisch.
Wo sind sie geblieben, die heimeligen Backstuben, in denen flinke Hände
nächtens den Sauerteig kneteten, wo die Zutaten für herrliche Kuchen-Rezepturen noch
selbst gemischt wurden.
Das ist lange vorbei. Heute ist backen ein fast industrieller Prozeß, und das Zauberwort
heißt "Fertigmehl", das von Großfirmen geliefert wird. Da muß nur noch der
Sack aufgemacht, das Fertigprodukt mit Wasser, eventuell Hefe und vielleicht noch ein,
zwei anderen Zutaten vermischt werden. Geformt und ab in den Elektroofen. Solches spart
Arbeitszeit, Arbeitsplätze und Kosten. Also verständlich, daß die Bäcker zu fertigen
Backmischungen greifen. Allerdings: Es gibt inzwischen eine derartige Fülle an Mixturen,
daß die Branche selbst bereits das von ihr geschaffene Dickicht der Angebotsvielfalt
beklagt. Konkrete Auskünfte, was da alles drin ist, sind selten. Die Backmittelfirmen
halten ihre Rezepturen geheim, und das Lebensmittelrecht drückt beide Augen zu. Kein
Bäcker ist dazu verpflichtet, seine heimlichen Hilfen aus der Küche der
Lebensmittel-Chemiker zu verraten. Der Unterschied zum Backen alten Stils wird deutlich,
wenn man weiß, daß heute Hochgeschwindigkeitsmixer in minutenschnelle den Teig geknetet
haben.
"Dies ist der Ersatz für die gefühlvolle Hand des Bäckers durch eine gefühllose
Maschine", sagen die Kritiker - auch in den eigenen Reihen. Um den Teig gegen diesen
"gefühllosen Angriff" stabil zu machen, braucht es eine ganze Anzahl von
chemischen Zusatzstoffen, eine Reihe von High-Tech-Trieb-Systemen, auf die Minute genau
nach Programm.
Zum Beispiel: Mono-Calciumphosphat-Monohydrat. Dabei werden winzige Gasbläschen
freigesetzt, die im Teig in Wartestellung verharren. Die zweite Stufe, mit Wachs
imprägniertes Natrium-Pyrophosphat, erhält erst im Ofen ihr Startsignal. Bei etwa 60
Grad schmilzt ihr Schutzmantel, es kommt zu einer chemischen Reaktion, in deren Verlauf
Kohlendioxid freigesetzt wird. Dieses pumpt die zuerst entstandenen Bläschen im Teig zur
vollen Poren-Größe auf. Wird der richtige Zeitpunkt verpaßt, zerreißt die Semmel oder
das Brot, weil die schnell steigende Ofentemperatur den Teig außen verfestigt hat. Je
nachdem welche Phosphate zum Einsatz kommen, halten sie Brot und Gebäck saftig,
regulieren die Porung oder dienen der Hefe als Nährsalz. Phosphate verhindern auch das
Verklumpen von Fertigmehlen, und Phosphat E 341 schützt sogar vor Motten und Käferfraß.
Die Insekten gehen davon ein.
Einen Stammplatz in den Bäckereien hat auch das Zystein bekommen. Es wird ein wenig davon
beigesetzt, damit der Teig nicht an den Maschinen und Fließbändern kleben bleibt.
Zystein sorgt auch für den appetitlichen Brotduft und bewahrt den Teig für Kekse davor,
sich auf dem Blech zusammenzuziehen. Dies ist den industriellen Kekserzeugern wichtig,
weil wegen der Verpackung jedes Stück die gleiche Größe haben muß.
Oder: Eine Prise Ascorbinsäure macht den Teig elastisch und verringert den Energiebedarf
für die Knetmaschine. Außerdem erlaubt die Säure eine höhere Wasserzugabe, was sich
vorteilhaft aufs Gewicht auswirkt. Der Einsatz der sonst harmlosen Ascorbinsäure fürs
Backen ist allerdings problematisch. Sie zersetzt sich unter Hitze zu Threonsäure, und
die hat zumindest in Tierversuchen Skorbut, also einen Vitamin-C-Mangel, hervorgerufen.
Das zeigt anschaulich, wie schnell aus einem zunächst unbedenklichen Zusatzstoff ein
vermeidbares Risiko entstehen kann und stößt an ein Grundproblem: Zusatzstoffe werden
nur im Rohzustand auf ihre gesundheitlichen Auswirkungen hin geprüft. Beim Backen mit 250
Grad aber kann ein ganzer Schwarm von fragwürdigen Abbauprodukten entstehen.
Benzoesäure und Benzoate
Benzoesäure (E 210), Natriumbenzoat (E 211), Kaliumbenzoat (E 212) und
Calciumbenzoat (E 213) macht Backwaren, Eiscreme, Süßigkeiten länger haltbar. Diese
Konservierungsmittel sind auch in Fleisch- und Wurstsalaten, Mayonnaisen und Limonaden
enthalten. Benzoesäure ist ein bekanntes Allergen, das Asthma, Nesselsucht und
Dauerschnupfen verursachen kann. In Gegenwart von Ascorbinsäure (E 300) bildet sich in
Lebensmitteln aus Benzoesäure das krebserregende Benzol.
Neue Kronen Zeitung, Sonntag, 8. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (8)
Der Schmäh mit den Körndln
Jetzt wird Bäckern und Kunden schon Abfall als Ballaststoff untergejubelt...
Die Vielfalt an Brotsorten ist erfreulich. Doch was drin ist, bleibt mangels
Deklarationspflicht verborgen.
Viele freuen sich zu Recht darüber, wie vielfältig das Angebot an Brot und
Backwaren geworden ist. Aber eines muß uns auch klar sein und darf redlicherweise nicht
verschwiegen werden: Das abwechslungsreiche Angebot, vor allem an Körndlbroten, wäre
ohne Backmittel und ohne Fertigmischungen undenkbar.
"Ich könnte mir das Personal gar nicht leisten, um bei Vielkorn-Broten die einzelnen
Bestandteile der Rezeptur zu wiegen", verriet ein Bäcker der "Krone".
Bei den Fertigmischungen, die von Großfirmen per Katalog angeboten werden, sind freilich
der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Was wirklich drin ist, weiß nur der Hersteller,
denn Deklarationspflicht besteht laut Lebensmittelrecht keine. Der Bäcker hat nur noch
die Aufgabe, Wasser und Hefe hinzuzufügen, dann läuft wie immer alles High-Tech.
Dazu ein besorgter Berufsschullehrer: "Wie soll ich einem Schüler begreiflich
machen, daß er für das Aufreißen von Säcken drei Jahre lernen muß?" Und:
"Eine gründliche Handwerksausbildung ist auf Grund der vielfältig vorhandenen
Zuliefer-Produkte kaum noch möglich", beklagen Funktionäre der
Bäcker-Standesvertretung.
Für den Bäcker selbst und erst recht für den Kunden bleibt nicht mehr ersichtlich,
woraus Teig und Brot bestehen. So kann es durchaus sein, daß die dunkle Farbe beim
Vollkornbrot nicht vom Getreide, sondern vom Malz als Färbemittel herstammt. Dann braucht
es nur noch ein paar Handvoll Körndln - für das Image des Produktes. Der Schmäh mit den
Ballaststoffen blüht.
"Beim Ausschöpfen von deren vorteilhafter Wirkung auf den trägen Darm übertraf
sich die einfallsreiche Branche selbst", schreiben Udo Pollmer und sein Team.
"Seit sich der Wert der Rohfaser als Ballaststoff herumgesprochen hat, wetteifern die
Abfallverwerter um den Zugang zum großen Geschäft". Statt Vollkorn deponieren
Trittbrettfahrer in den Teigen "Biertreber", sprich ausgelaugte Gerstenschalen
aus den Brauereien. Andere verhökern wertlose Häute der Sojabohnen, Spelzen genannt,
unter der Vollkornflagge und entsorgen damit gewisse Überreste der Margarineproduktion.
Der US-Waschmittelkonzern Procter & Gamble ließ sich sogar einen Zusatz an
Baumwollfasern für Lightbrote patentieren. Es sollte wieder Ehrlichkeit in die Branche
gebracht werden!
Aspartam (E 951)
Dieser Süßstoff und Geschmacksverstärker ist in Getränken, Kaugummis und
Puddings enthalten. Da Aspartam sich beim Erhitzen zersetzt, ist es als Süßmittel zum
Backen und Kochen nicht geeignet. Bedenklich ist der Stoff bei einem erblichen
Enzym-Defekt, der Krankheit "Phenylketonurie". Empfindliche Personen können
nach dem Verzehr von Lebensmitteln mit Aspartam Kopfschmerzen, Übelkeit und Sehstörungen
erleiden.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Montag, 9. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (9)
Die Milch als Tausendsassa - Emulgatoren, Stabilisatoren, Fett-Binder, heute
allgegenwärtig in Fertigprodukten.
Chromblitzendes Interieur einer Molkerei - mehr schon eine chemische Fabrik.
Viele Hausfrauen werden heute noch Tricks aus Großmutters Küche anwenden, die
ganz verblüffend wirken: So legt man zu streng schmeckendes Wildfleisch in Milch oder
Buttermilch ein. Oder ein verpfeffertes Ragout kann mit der Zugabe von Milche gerettet
werden. Und daß Obers Saucen abrundet und verfeinert, weiß jeder.
Was lag also für die Molkereien auf der Suche nach neuen Produkten und die
Lebensmittelindustrie näher, als diese Vorteile für ihre Zwecke zu nützen: die Milch
als Tausendsassa. So etwa:
Als Emulgator in Mayonnaisen, Wurst oder Eis verhindern bestimmte Milchpräparate, daß
sich sich ein unschöner Fettfilm abtrennt. Als Stabilisator, damit sich auf dem Joghurt
keine Flüssigkeit absetzt. Als Gel-Bildner, damit das Wasser in der Wurst
"schnittfest" wird. Als Schaum-Bildner: Kaseine und Eiweiß aus Molke bilden
ähnlichen Schaum wie Eierschnee und werden in Desserts eingesetzt. Als Textur-Geber,
damit sich Flips und Tortilla-Chips sowie Kekse besser formen lassen. Als Fett-Binder
verhindern Milchpräparate, daß sich auf Schokolade und anderen Süßwaren ein unschöner
weißer Fettreif an der Oberfläche bildet. .... usw. usw. Die Chemie in chromblitzenden
Molkereien macht's möglich, und die Produkte sind von einer Kuh so weit entfernt wie die
Menschen vom Mond. Sie gelten lebensmittelrechtlich allerdings nicht als Zusatzstoffe,
weil sie, wenn auch sehr entfernt, von einem Naturprodukt abstammen. Aufgeschlossenes
Milcheiweiß ist in fast jedem Fertigprodukt zu finden, und auch der Milchzucker
avancierte vom profanen Verdauungsregler zum allgegenwärtigen Inhaltsstoff. Neuerdings
gibt es einen aus "fettfreier Milchtrockenmasse" bestehenden
Geschmacksverstärker, der die bedenklichen Glutamate (siehe Rubrik) ersetzen soll. Was
die Konsumenten nicht wissen: Dieses "Savorlac" enthält von Natur aus viel
Glutaminsäure. Diese wird durch technologische Kunstgriffe freigesetzt, sodaß
letztendlich schlichtes Glutamat entsteht. Alles in allem also ein Täuschungsmanöver ...
Glutamate
Ein heikles Thema sind diese Zusatzstoffe, die als Geschmacksverstärker in der
Küche Chinas und in Fertigprodukten weit verbreitet sind. Glutaminsäure (E 620) und die
verschiedenen Glutamate (E 621 bis 625) werden von manchen Menschen allerdings nicht
vertragen. Kopfschmerzen, trockener Mund, Beklemmungen in der Brust, Gliederschmerzen,
Schwindel und Brechreiz können die Folgen sein. Auch von Asthma-Anfällen wird berichtet.
Negative Effekte treten vor allem bei Verzehr auf nüchternem Magen auf. In China ist das
deshalb kein Problem, da Suppe nicht zu Beginn eines Mahls gegessen wird und
kohlenhydrathaltige Speisen wie Reis die Verträglichkeit erhöhen.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Dienstag, 10. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (10)
Gentechnik für den Käse - Auch dieses Super-Produkt hat seine Unschuld verloren: Es wird
manipuliert.
Käseproduktion: Lab aus Kälbermagen ist längst nicht mehr ausreichend verfügbar.
Deshalb sprang die Gentechnik ein.
Sind wir der Gen-Technik auf Gedeih und Verderb ausgeliefert? - Wenn es um den
Käse geht, scheint das so zu sein. Denn heimlich, still und leise wird den Europäern
durch genetische Manipulation entstandenes Lab für die Käseproduktion großen Stils
unterschoben. Und das kam so: Mit der wachsenden Nachfrage und der größeren Vielfalt and
Käsesorten wurde das früher verwendete Lab aus Kälbermagen knapp. Zum näheren
Verständnis: Lab läßt die Milch gerinnen, wodurch Kasein und Molke entstehen. Aus
Kasein wird durch Schöpfen, Pressen, Einsalzen, Impfen mit Edelpilzen, Lagern, Waschen in
Salzlake und nochmals Lagern endlich unser Käse. Was mit der Molke geschieht, davon wird
in der morgigen Folge noch die Rede sein. Die Knappheit an Rinderlab führte in neuerer
Zeit dazu, den Mageninhalt von Masthühnern einzusetzen. Aber auch deren Mägen sind
"ausgepumpt". So wurde nach neuen Wegen gesucht. Als Lösung fanden Biologen und
Chemiker ein Mikrobenextrakt, das allerdings nicht ganz so schmackhaften Käse lieferte
wie das Lab. Deshalb sprang die Gentechnik ein: Den "mikrobiellen Haustieren"
wurden die entsprechenden Rindergene eingepflanzt. Sie produzieren jetzt künstliches
Kälberlab. Nur, welche Art von Lab in den Käsereien verwendet wird, das erfahren weder
die Händler noch die Kunden. Die Entwicklung genetisch manipulierten Labs ging auch so
heimlich vor sich, daß Proteste jetzt wohl zu spät kommen. Sonst sollte es bei der
Käseherstellung weitgehend natürlich vonstatten gehen, lediglich manche Zusatzstoffe in
Käserinden (siehe unten) sind bedenklich. Aus aktuellem Anlaß hat übrigens die
Arbeiterkammer eine komplette E-Nummern-Liste überarbeitet und neu gedruckt. Bestellung
bei der AK Wien unter 01/3100010/333.
Litholrubin (E 180)
Dieser künstliche rote Farbstoff ist nur für Käserinde zugelassen -
allerdings auch für solche, die mitverzehrt wird. Der Farbstoff kann die Funktion von
Nieren, Schilddrüse und Milz beeinträchtigen. Allergiker sollten die gefärbte
Käserinde keinesfalls mitessen.
Wird in Käse und Käseumhüllungen gegen Schimmel eingesetzt. Es ist ein
Konservierungsmittel und Antibiotikum, weshalb durchaus die Gefahr einer allmählichen
Resistenzbildung von Krankheitskeimen gegen Antibiotika möglich ist. Hauptkritik: In
Lebensmitteln haben Antibiotika, die noch dazu allergisierend wirken, nichts zu suchen.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Mittwoch, 11. Februar 1998.
Vorsicht Essen (11)
Molke - Wunder aus der Gosse.
Was einst weggeschüttet oder verfüttert wurde, landet heute auf unseren Tischen.
Der Käserei-Meister prüft die Temperatur im Bottich, wie gut sich Kasein von der Molke
trennt.
Früher wurde sie als Schweinefutter verwendet, in den Kanal oder Bach
geschüttet: die gelblich-grüne Molke, Abfallprodukt der Käseherstellung. Sie fällt in
gewaltigen Mengen an, weil aus einem Liter Milch nur 170 Gramm Käse, aber 830 Gramm Molke
entstehen. Da es für Schweine besseres Futter gibt und Wasserschutz-Gesetze das
Wegschütten verbieten, war guter Rat teuer. Die Chemiker nahmen sich der Sache an, und
prompt wurde die Molke zum "Wundermittel aus der Gosse". Die abgetrennten
Eiweißstoffe und der Milchzucker (Laktose) haben in Fertigprodukten vielfältige
Verwendung gefunden. So als billiger Milch-Ersatz in Emulgatoren, zum Eindicken von
Fertigsuppen und Saucen, in Backmitteln, für die bessere Bräunung von Brot und Semmeln,
für die Füllung von Konditoreiwaren, die damit streichfähiger werden, und mehr
Wasseraufnahme in der Wurst. Durch den Zusatz von Molke-Eiweiß zu Säuglingsnahrung soll
diese in der Zusammensetzung der Muttermilch ähneln. Auf dem Kleingedruckten freilich
steht nur "Milcheiweiß" oder "modifiziertes Eiweiß", und da wird's
problematisch: Vor wenigen Jahren wurde ein Zusammenhang zwischen Molke-Eiweiß und der
Diabetes bei Kindern festgestellt. Dieses Eiweiß schädigt die kindliche
Bauchspeicheldrüse, und dies ist der Grund, warum Flaschenkinder später erheblich
häufiger zuckerkrank werden als gestillte. Überdies wirkt Molke-Eiweiß hochallergen -
mit einer besonderen Heimtücke: Die Fraktionen aus der Molkerei sind unterschiedlich,
werden aber nicht näher definiert. So kann kein Arzt mehr herausfinden, welche der sich
ständig ändernden Zusammensetzungen von Milcheiweiß für die allergischen Reaktionen
seiner Patienten verantwortlich sind. Auch was den Milchzucker anlangt, sind Mediziner und
Konsumentenschützer einig, daß der Einsatz in Fertigprodukten eingeschränkt werden
muß. Denn jeder zehnte Europäer verträgt Laktose nicht oder nur schlecht. Der Kindheit
entwachsen verliert der Mensch nämlich die Fähigkeit, Milchzucker aufzuspalten und im
Verdauungstrakt aufzunehmen. So plagen sich Tausende ihr Leben lang mit Blähungen und
Verdauungsstörungen herum - ohne zu wissen, wieso.
Schwefeldioxid/Sulfite
Diese Zusatzstoffe mit den E-Nummern 220 bis 228 werden als
Konservierungsmittel, Antioxidantien, Schönungsmittel und Gärstopper eingesetzt. Im Wein
sind sie deklarationsfrei enthalten, wehr im Weißwein, weniger im Rotwein. In Kombination
mit Phosphaten verhindern Sulfite das lagerbedingte Braunwerden von
Kartoffel-Fertigprodukten wie Chips oder Pommes frites. Außerdem bleichen Sie
Lebensmittel wie Zucker. Sulfite können Beschwerden wie Magen- und Kopfschmerzen,
Übelkeit, Völlegefühl und Asthmaanfälle verursachen.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Donnerstag, 12. Februar 1998.
Vorsicht Essen (12)
Heimlich haben Totalverflüssiger Eingang in die Lebensmittelproduktion gefunden.
Mehr Saft durch Schimmel-Enzyme -
Erntereife Orangen, aus denen meist Konzentrat wird.
Jeder hat irgendwann einmal in faulendes Obst gegriffen. Doch was führt zu
diesem Vorgang? Schimmelpilze haben mit ihren Enzymen das Stützgewebe des Fruchtfleisches
weich und matschig gemacht. Mit diesem Prinzip helfen sich neuerdings die Hersteller von
Obstsäften, um ihre Ausbeute zu steigern.
Der Maische werden die aus Schimmelpilzen gewonnenen Enzyme zugesetzt, worauf sich Teile
des Stützgewebes verflüssigen, ohne dabei zu faulen. Vor allem bei der Gewinnung von
Saftkonzentrat verhindert dies auch, daß die ablaufende Flüssigkeit die Filter
verstopft. Dazu wird der Schimmelpilz "Aspergillus niger" verwendet, der
übrigens noch weitere hundert Enzyme produziert. Deshalb die Vermutung der Kritiker: Wer
weiß, was die Enzyme noch so alles in Lebensmitteln anstellen. Sicher ist: Bei der
Totalverflüssigung in der Safterzeugung entsteht relativ viel des giftigen Alkohols
Methanol. Was für den erwachsenen Safttrinker harmlos ist, könnte beispielsweise im
Karottenbrei von Säuglingen zum Problem werden. Die Verwendung von Enzymen muß
grundsätzlich nicht deklariert werden, weshalb das Werk sich in aller Stille vollzieht:
in Marmeladen, bei der Gewinnung von verschiedenen Ersatz-Süßstoffen, aber auch von
Traubenzucker.
Nur miesmachen?
"Wollen Sie uns das Essen vermiesen?" fragen Leser bei uns an. Auch
einige Lebensmittelhersteller werfen uns "Schwarzmalerei" und
"Fortschrittsfeindlichkeit" vor. Unsere Antwort: Die Dinge sind - viele sagen
leider - halt tatsächlich so, daß uns eine mit allen Wassern gewaschene Industrie mit
vielen überflüssigen und vor allem für Allergiker schädlichen Substanzen überhäuft.
Zu oft wird vergessen, daß der Begriff "Lebensmittel" von "Mittel zum
Leben" herstammt. Und einmal mehr muß sich die Frage stellen: Sollen wir wirklich
alles tun, was technologisch machbar ist? Oder wäre es nicht an der Zeit, das
Lebensmittelrecht zu durchforsten und aus dem Blickwinkel der Verträglichkeit für
Menschen zu säubern. Die Konsumenten jedenfalls, so ist der Standpunkt der
"Krone", haben ein Anrecht darauf zu erfahren, was sie mit den Produkten, für
die sie Geld ausgeben, so alles mitessen. Deshalb diese Serie, die wir schon unseren
Kindern schuldig sind.
Thiabendazol E 233
Dieses Mittel schützt die Schalen von Zitrusfrüchten und Bananen vor
Schimmelbefall. Es wird in der Landwirtschaft als Pestizid eingesetzt und kann daher auch
in Kartoffeln, Äpfel oder Birnen gelangen. Weil schwere Gesundheitsbedenken bestehen,
empfiehlt es sich, nach dem Schälen von Orangen oder Bananen die Hände zu waschen. Wenn
nicht, so haben Versuche ergeben, können bis zu zwölf Prozent Rückstände an den
Händen bleiben.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Freitag, 13. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (13)
Shrimps aus Fischmus.
Industrielle Lebensmittel-Produktion ist auch immer mehr Abfallwirtschaft.
Herrliche Rezepte aus Shrimps: Ob sie echt sind, ist allerdings eine andere Frage, denn es
kommen immer mehr Imitationen auf den Markt.
Wissen wir, was wir essen? Sehr oft nicht. Da werden Ihnen im Restaurant Shrimps
in Dillsauce angeboten, und nur gewiefte Lebensmittelchemiker kommen dahinter, daß die
Meeresfrüchte nicht echt sind. Unter dem Namen "Surimi" erobern schon seit
einigen Jahren Imitate den Markt. Sie werden aus dem Mus minderwertiger Fische, aus
Abfällen der Fischerei-Industrie oder aus Krill hergestellt, den antarktischen Krebsen,
die sonst nur den Walen eine Delikatesse sind. Das Ausgangsmaterial wird zerlegt,
zermahlen und nach einigen chemischen Prozessen in neue Form gepreßt. Ein wenig
künstliches Aroma und Lebensmittelfarbe - und fertig sind die Shrimps, die keine sind und
nie welche waren. Bei Stichproben fand die "Hamburger Forschungsanstalt für
Fischerei" in sieben von zehn angeblichen Garnelen nur "Surimi". Auch in
Wiener Geschäften tauchte vor einiger Zeit erstaunlich preisgünstiges Krabbenfleisch
auf. Es war ein mit Krebs-Aroma und orangeroter Farbe aufgeputztes Imitat, was die meisten
Verkäufer auch redlicherweise zugaben. Ausgebrütet werden diese Ideen an der "State
University" im US-Staat Oregon, wo - von Lebensmittelkonzernen gesponsert -
Ingenieure die "Surimi"-Technologie erlernen. Dies ist einmal mehr ein Beispiel
dafür, daß "Lebensmittelproduktion" heutzutage auch Abfallwirtschaft bedeutet.
Als Beispiele hatten wir die Molke oder die Abfälle aus Brauereien und der
Sojaverarbeitung, die im Brot landen. Jetzt wird der Plan gewälzt, auch die Reste der
Karotten-Saftpressung zu verwerten, eventuell in Brot. Und das sind 100.000 Tonnen im
Jahr.
Butyl-Hydroxytolulol E 321
Dies ist ein Antioxidans, ursprünglich nur für die Stabilisierung der
Gummibasis von Kaugummis. Das Lebensmittelrecht erlaubt jetzt auch den Einsatz in
Frittierfetten, Bratenfetten und Ölen, damit diese länger verwendet werden können. E
321 ist auch in Kunststoffverpackungen enthalten und kann aus diesen in die Lebensmittel
gelangen. BHT kann wie viele Antioxidantien sowohl krebsfördernd als auch krebshemmend
wirken. Es lagert sich im Fettgewebe ab und beeinflußt Blutgerinnung, Fettstoffwechsel
und die Schilddrüse. Unverträglichkeiten und allergische Reaktionen wurden bei
Hautkontakt beobachtet. Beim Erhitzen im Frittierfett zersetzt sich der Zusatzstoff
teilweise. Über die biologische Wirkung der dabei entstehenden Substanzen ist noch nichts
bekannt.
Neue Kronen Zeitung, Wien, Samstag, 14. Februar 1998.
Vorsicht Essen! (14)
Täuschungen des Gaumens.
Ihnen zu entsagen, ist oft die einzige Möglichkeit, Allergie-Kranke zu heilen.
Mit den Kindern wieder selbst kochen oder backen, tunlichst Bio. Das läßt viele
Allergien sehr rasch verschwinden.
Wie ein roter Faden zog sich durch diese Serien die Selbsterkenntnis, in welch
hohem Ausmaß wir in punkto Nahrung den Täuschungen unseres Gaumens und denen des Auges
unterliegen. Wer möchte schon auf Toastbrot verzichten, das nicht gleichmäßig bräunt?
Was er nicht weiß: Enzyme machen zuerst das Brot fast weiß und zersetzen dann
beigemischtes Karotin unter der Hitzeeinwirkung. Dieses sorgt für gleichmäßige
Bräunung und ein kräftiges Toast-Aroma. Oder: Wem würden Speisen aus dem
Mikrowellenherd schmecken, wenn sie nicht schön braun würden? Aber: Die Wellen selbst
bräunen nicht. Nur wenige wissen: Die Industrie hat für solche Zwecke Bräunungs- und
Aromatisierungs-Systeme parat. Vor der Versiegelung der Verpackung werden Komponenten
aufgesprüht, die dann im Herd reagieren, als wäre dieser ein Grill. Vor den erstaunten
Augen entsteht dann binnen kürzester Zeit ein Instant-Braten, der braun ist und nach
Braten riecht, oder eine wohlgefärbte Pizza mit ausgeprägtem Salami- und Käse-Duft.
Darin enthaltene Geschmacksverstärker sorgen noch dafür, daß sich die Papillen an der
Zungenwurzel öffnen und das Wasser im Mund zusammenzulaufen beginnt. Kein Wunder also,
wenn viele diesen Verlockungen und Täuschungen erliegen und sich wenig darum kümmern,
was auf dem Kleingedruckten steht. Mit dem totalen Verzicht auf solche Produkte heilt
Professor Dr. Josef Egger von der Universitäts-Kinderklinik in München die schwierigsten
Allergie-Fälle. Er wollte zu Beginn seiner Laufbahn eigentlich die Harmlosigkeit von
künstlichen Farb- und Konservierungsstoffen in Lebensmitteln beweisen - und bewies genau
das Gegenteil. Prof. Egger streicht seinen kleinen Patienten jede Form von Fertigkost,
Rind- und Schweinefleisch, Wurst, Ketchup, Cola, Cornflakes, aber auch alle bekannten
Allergie-Auslöser. Und er zwingt die Mütter, wieder selbst zu kochen. Symptome wie
Migräne, Überaktivität oder Ausschläge verschwinden binnen drei Wochen.
Kehren die Kinder Schritt für Schritt wieder zur alten Kost zurück, kommen
auch die alten Symptome wieder. Aber jetzt weiß man, wo das Übel liegt: oft an
Zusätzen.
Gallate E 310 bis E 312
Propylgallat (E 310), Oktylgallat (E 311) und Dodecylgallat (E 312) verhindern
das Ranzigwerden von Fetten. In Fertigsuppen, Würzen und Saucen schützen sie Farbe und
Geschmack vor Veränderungen durch den Luftsauerstoff. Über Margarine und mohnhaltige
Füllungen gelangen Gallate auch in Backwaren und über das Milchpulver in den
Automaten-Kaffee. Gallate finden sich darüber hinaus in typischen Kinderprodukten wie
Kaugummi, Marzipan, Nougat, Pommes frites und Knabber-Erzeugnissen.
Propylgallat kann bei Säuglingen zu lebensgefährlicher Blausucht führen, die beiden
anderen Gallate sind wahrscheinlich weniger bedenklich. Sie sind zwar für
Säuglingsnahrung nicht zugelassen, doch das Vorhandensein in einigen Kinder-Leibspeisen
machen sie bedenklich. Gallate können bei Hautkontakt Allergien auslösen.
Das Buch zum Thema:
Udo Pollmer/Cornelia Hoicke/Hans-Ulrich Grimm:
Vorsicht Geschmack - Was ist drin in Lebensmitteln
S. Hirzel Verlag Stuttgart Leipzig, 1998, 344 S., gebunden mit
Schutzumschlag, (Reihe "Hirzel Menu"), ISBN 3-7776-0804-1,
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